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Beitrag in der Debatte zur Alphabetisierung

Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Schon
vor einigen Jahren las ich die Geschichte eines Ku-
rierfahrers, die mich damals sehr bewegt hat. Dazu
würde ich hier gerne etwas sagen: Der gute Mann
fuhr jahrelang in jeder Nacht bei Wind und Wetter
äußerst zuverlässig die gleiche Tour zu insgesamt
acht Kunden. Er hatte in seinem Fahrzeug acht Bo-
xen, die beschriftet waren, aber auch unterschiedli-
che Farben hatten. Für jeden Kunden gab es eine
Box. Eines Tages hat sein Chef neue Boxen ange-
schafft, diese sahen alle völlig gleich aus, waren
aber natürlich weiterhin beschriftet. Aber äußerlich
waren sie eben nicht mehr zu unterscheiden, und es
kam, wie es kommen musste: Alle Kunden erhielten
falsche Kisten. Am nächsten Abend hat der Chef
seinen Mitarbeiter angebrüllt: Wie konnte das pas-
sieren, kannst du denn nicht lesen? - Und die ehrli-
che Antwort war: Nein. - Die Geschichte nahm zum
Glück ein gutes Ende, denn die acht einfarbigen Bo-
xen wurden fortan durch farbige Behälter ersetzt.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, das zeigt, wie be-
schämend das sein kann, dieses, man muss schon
fast sagen, Leben im Abseits, weil man nicht lesen
und schreiben kann. Wir alle wissen um dieses Pro-
blem. Deshalb begrüßen wir diese Debatte, und wir
begrüßen auch die Bildungskampagne, die im Hin-
tergrund steht. Das sind schon die richtigen Schritte
und die richtigen Ansätze, um endlich etwas für die
Betroffenen zu tun. Dieser Antrag steht ja auch im
Kontext einer nationalen Strategie zur Alphabetisie-
rung und Grundbildung Erwachsener. In allen Bun-
desländern wird zu Recht diese Debatte geführt,
überall kommt es zu einschlägigen Aktivitäten.
Wie gesagt: Die Teilhabe am alltäglichen Leben ist
für denjenigen, der nicht lesen und schreiben kann,
extrem eingeschränkt. Er findet schwerer Arbeit, er
hat damit weniger Einkommen, er kann zum Beispiel
aber auch in der Familie mit den eigenen Kindern
nicht lernen. Das ist schon dramatisch, denn das
mündet oft in eine Abwärtsspirale letztlich für die ge-
samte Familie. Daraus kann eine schwierige Situati-
on entstehen, wenn hier nicht gegengesteuert wird.
Ich glaube, es genügt nicht, immer nur über die
Symptome zu sprechen und auch nur die Symptome
bekämpfen zu wollen. Im weiterführenden Bildungs-
bereich wird ja sehr vieles gemacht, sehr vieles gut
gemacht, sehr vieles auch mit großem Engagement
umgesetzt. Vieles gleicht aber auch hierbei leider
nur einem Reparaturbetrieb, weil die grundlegenden
Weichenstellungen in Richtung einer Verbesserung
fehlen beziehungsweise weil die Weichen falsch ge-
stellt wurden. Viele Ursachen für das Problem finden
sich nämlich schon in der Schule und in der sozialen
Absicherung von Menschen. Das heißt also, dass
die Rahmenbedingungen wichtig und entscheidend
sind und eben auch vielfach verbesserungsbedürftig
sind.
Ich erwähne dazu nur einige Punkte, die wir ja in je-
der Bildungsdebatte in diesem Hause immer wieder
nennen, über die wir hier immer wieder diskutieren:
Wir brauchen in ausreichender Zahl gut ausgebilde-
tes pädagogisches Personal, und zwar auf allen Bil-
dungsebenen, beginnend bei der Kita. Wir brauchen
mehr Ganztagsbetreuung, die Kollegin Kolb hat es
schon angesprochen. Damit sich die Diagnosefähig-
keit der Lehrer auch entfalten kann, muss es zu klei-
neren Klassen kommen, und dafür braucht man wie-
derum mehr Lehrer, mehr Ressourcen im Bereich
auch der Inklusion. Ich möchte nun nicht alle Aspek-
te aufzählen, aber hierbei sind natürlich Rahmenbe-
dingungen angesprochen, zu denen wir endlich
kommen müssen. Deshalb ist auch in diesem Antrag
zu Recht erwähnt, dass das Thema der Alphabeti-
sierung in der Aus- und Fortbildung der Lehrer stär-
ker verankert werden muss. Das ist der richtige An-
satz; das Stichwort „Diagnosefähigkeit“ habe ich
eben schon erwähnt.
Es sind aber auch noch sehr viel mehr niedrig-
schwellige Angebote erforderlich. Insoweit stellt sich
eine Hürde, die überwunden werden muss: Die
Menschen müssen sich eben auch trauen zu sagen:
„Okay, ich mache das jetzt, damit kann ich dieses
Problem lösen.“
Die Probleme sind hinlänglich und schon sehr lange
bekannt. Nun gefundene Lösungen dürfen nicht
kurzfristig angelegt und kurzsichtig sein, sie müssen
vielmehr nachhaltig angelegt sein. Wie Frau Kolb
eben richtig sagte: Es ist schlimm, immer noch ver-
lassen viel zu viele Schülerinnen und Schüler die
Schule ohne Abschluss, immer noch werden viel zu
viele Kinder aus Migrantenfamilien nicht nur sprach-
lich zurückgelassen. Das muss sich dringend än-
dern. Dafür ist diese Art der Debatte sehr wichtig.
Ich begrüße das sehr, und wir werden diesem An-
trag natürlich zustimmen. - Herzlichen Dank.
(Beifall von den Oppositionsfraktionen und bei
den Koalitionsfraktionen.)