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Rede zum Sitzenbleiben

 

Frau Präsidentin! Kolleginnen und Kollegen! Lieber

Herr Pauluhn, Sie haben jetzt eine Top-Down-Variante

probiert. Ich gönne Ihnen auch diesen kleinen

Höhenflug ein Jahr nach der letzten Wahl, aber wir

sehen uns in vier Jahren wieder. Es geht darum, bildungspolitisch

Position zu beziehen!

(Beifall bei der LINKEN. - Zuruf des Abgeordneten

Pauluhn (SPD).)

Wir werden sehen, was die nächsten Jahre bringen.

Sie haben ganz schön um den heißen Brei herumgeredet,

wie Sie in dieser Frage wirklich aufgestellt

sind.

Dann versuchen wir doch, gemeinsam zur Sache

zurückzukehren. Die Grundschule, das hat wirklich

jeder verstanden, ist die wichtigste Schule. Dort werden

die Weichen für die spätere Schullaufbahn gestellt.

Es geht ganz klar darum, in dieser Grundschulzeit

die Lust am Lernen - Sie haben Ihre Tochter

als Beispiel genannt, genau so - und die Motivati-

Landtag des Saarlandes - 15. Wahlperiode - 15. Sitzung am 15. Mai 2013

(Abg. Pauluhn (SPD))

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on für die Schule zu wecken. Die meisten von Ihnen,

die sich für Bildungspolitik interessieren, kennen sicherlich

Reinhard Kahl, der als Bildungsforscher und

Journalist bekannt ist, er hat sehr viel zu dem Thema

publiziert. Er hat recht, wenn er sagt: „Lernen

braucht Belohnung, nicht Demütigung. Das ist die

Erfahrung, die weiterbringt.“ - Ich glaube, das verstehen

auch alle.

Deshalb wird auch zu Recht die Frage aufgeworfen,

warum ausgerechnet in der Grundschule Versetzungsentscheidungen

anstehen müssen, während

auf der anderen Seite für das Gymnasium ein erfolgreicher

Modellversuch „Fördern statt Sitzenbleiben“

auf den Weg gebracht worden ist. Herr Minister

Commerçon, ich finde Ihr Papier „Gemeinsam lernen

in der Grundschule“ sehr gut. Wir haben viele

Inhalte, die zwischen unseren Parteien deckungsgleich

sind. Ich kann das voll unterschreiben. Es

geht in dieser Frage vollkommen in die richtige Richtung.

Sie sitzen aber leider nun in dieser Koalitionsfalle.

Es ist eine Falle, weil Sie das alles mit dieser

CDU nicht umgesetzt bekommen. Genau so ist es.

Kolleginnen und Kollegen, das Thema ist mir insgesamt

zu wichtig, da sind wir wieder beieinander,

deshalb wage ich einen kleinen Diskurs auf die Diskussion.

Es ist nämlich bedauerlich, dass immer

wieder dieselben ideologischen Totschlagargumente

in dieser Debatte fallen, wenn es um die Überwindung

- ich sage bewusst „Überwindung“ - des Sitzenbleibens

geht. Ich nenne einige Begriffe, die gefallen

sind: „Kuschelpädagogik“ - das kennen wir alles

- und „leistungsfeindlich“ bis hin zum Spruch „es

hat ihm oder ihr nicht geschadet“. Dann werden irgendwelche

Pseudopromis zitiert, die irgendwann

eine sogenannte Ehrenrunde gedreht, aber ausgeblendet

haben, dass es nicht ehrenvoll war, dass die

Betroffenheit doch da ist und es eben eine schwierige

Situation ist für die, die das in der Schule durchleben

müssen. Ganz besonders platt - das möchte

ich doch hier loswerden - hat die CDU-Protagonistin

Julia Klöckner aus Rheinland-Pfalz, zum Glück ist

sie in der Pfalz, argumentiert: „Schule ohne Sitzenbleiben

ist wie Fußball ohne Absteiger.“ - Das finde

ich wirklich unmöglich, Herr Meiser, das sage ich

ganz klar. Wir wollen Schüler nicht als Absteiger abstempeln,

sondern wollen möglichst viele zum Lernerfolg

führen. Darum geht es wirklich, das ist der

Unterschied.

(Vereinzelt Beifall bei den Oppositionsfraktionen.)

Ein Problem ist auch, dass man sich in dieser Debatte

immer wieder hinter dem Schulfrieden versteckt.

Ich meine jetzt nicht Sie, Herr Meiser, das

ging noch, Sie haben dezent argumentiert, aber

trotzdem die Vorschläge des Bildungsministers komplett

abgelehnt. Das war wirklich moderat formuliert,

aber es war letztendlich doch eine knallharte Ablehnung

für diese Vorschläge nach Ihrer Fraktionsvorsitzendenkonferenz.

(Zuruf des Abgeordneten Meiser (CDU).)

Genau, das haben wir schon anders erlebt, aber

heute passt es. - Wir hatten hier oft einen Disput um

den Schulfrieden, wobei wir uns einig sind: Natürlich

wollen alle den Schulfrieden wahren. Aber irgendwann

muss doch klar sein, dass damit nicht alle Reformen

blockiert werden dürfen. Diese Debatte ist

ein Einstieg in eine neue Lern- und Förderkultur,

darum geht es wirklich. Deswegen ist es so wichtig,

darüber zu streiten, Kolleginnen und Kollegen.

In anderen Ländern sind alle schon wieder viel weiter

als wir, aber wie gesagt, wir haben noch Hoffnung

und warten ab. Wir wissen aber auch, dass gerade

das schwierige Thema „Überwindung des Sitzenbleibens“

emotional diskutiert wird und noch viel

Überzeugungsarbeit zu leisten ist. Die Akzeptanz ist

bei vielen Eltern, bei vielen Lehrern und auch bei

Schülern noch längst nicht erreicht. Das hängt aber

auch mit der Art und Weise zusammen, wie argumentiert

wird und wie die Totschlagargumente vorgebracht

werden. Das ist eben nicht im Sinne der

Sache, es sind viele Vorurteile und Klischees im

Spiel, das ist eigentlich bedauerlich. Es geht nämlich

überhaupt nicht darum, Klassenwiederholungen bis

zum Ende der Schullaufbahn abzuschaffen, sondern

es geht vor allem darum, ein Scheitern in der Schule

möglichst zu vermeiden und dafür die richtigen Instrumente

zu finden.

Werfen wir einen Blick auf die Pädagogik. Dort wird

diese Diskussion ganz anders geführt, oft viel niveauvoller

und fassettenreicher. Das ist auch gut so.

Da gibt es dieses Schwarz oder Weiß in der Art und

Weise nicht. Kolleginnen und Kollegen, Klassenwiederholungen

sind längst nicht mehr zeitgemäß. Das

ist bildungspolitisch mittlerweile unbestritten. Ich sage

noch etwas: Spaltprodukte wie zum Beispiel

„Streber“ auf der einen Seite kontra „Sitzenbleiber“

auf der anderen Seite, das ist eine Wortwahl, die

nicht mehr in die bildungspolitische Debatte gehört,

weil das wirklich immer die ewig gestrigen Argumente

sind.

Aus erziehungswissenschaftlicher Sicht gilt die Klassenwiederholung

als nicht effizient. Das ist ein ganz

entscheidender Punkt, und zwar schon alleine deshalb,

weil die meisten Schüler nur in Teilbereichen

Schwächen zeigen, wenn sie Schwächen haben.

Dann bringt eine Komplettwiederholung - ich nenne

es einmal so -, was den ganzen Stoff anbelangt, wenig,

wenn nicht gezielt gefördert wird.

(Beifall der Abgeordneten Maurer (PIRATEN).)

Danke, Jasmin. - Darum geht es nämlich: Schwächen

gezielt zu beseitigen. Damit meine ich nicht die

private kostenpflichtige Nachhilfe, denn dann stehen

Landtag des Saarlandes - 15. Wahlperiode - 15. Sitzung am 15. Mai 2013

(Abg. Spaniol (DIE LINKE))

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wirklich viele schnell wieder vor dem Dilemma und

vor den Lücken im System und rutschen ab. Auch

das ist erziehungswissenschaftlich-pädagogisch

nachgewiesen. Hier muss absolut umgesteuert werden.

Es gibt ganz viele Instrumente, die endlich auf

den Weg gebracht werden müssen. Es müssen Förderungen

innerhalb von Lerngruppen kommen,

mehr individuelle Betreuung. Wie oft haben wir das

schon rauf- und runterdiskutiert, aber es ist wenig

passiert. Zusätzliche Förderstunden am Nachmittag,

betreute Kurse in den Ferien, alles das ist noch Zukunftsmusik.

Wenn das käme, dann wären Klassenwiederholungen

überflüssig.

Kolleginnen und Kollegen, noch einmal abschließend:

Das Sitzenbleiben gehört nicht in die Grundschule.

Es gilt, endlich mehr zu fördern, statt auszugrenzen.

Nur damit werden Schulabbrecherquoten

ernsthaft und nachhaltig gesenkt. Damit muss man

auch bei unseren Jüngsten in der Schule endlich anfangen.

Darum geht es wirklich. Es ist im Moment

fragwürdig, ob diese Koalition das jemals hinbekommen

wird. Aber wenn doch, dann würde ich das sehr

begrüßen und würde das positiv begleiten. Da das

aber in nächster Zukunft nicht absehbar ist, werden

wir nicht lockerlassen. Wir werden an diesem Thema

dranbleiben im Sinne der Schülerinnen und

Schüler. Ich finde, das Diskussionspapier war der

richtige Schritt, genau diese Debatte im Land zu eröffnen.

- Danke.

(Beifall von den Oppositionsfraktionen.)